Wer hat in den Apfel gebissen?



Gestern war der Internationale Frauentag und ich nahm dies zum Anlass, um diesen Artikel der Spaltung der Geschlechter und meiner Sicht zu deren Ursprung zu widmen.

Einleitend einige Überlegungen zu unserem Glaubens- und Wertesystem, die das menschliche Denken und Verhalten unbewusst füttern und leiten. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen den persönlichen und den kollektiven Glaubens- und Wertesystemen. Wesentlich für den Inhalt dieses Artikels sind die Letzteren.

Das kollektive Glaubenssystem bestehend aus unzähligen kulturellen, religiösen und weiteren Glaubenssätzen, ist ein großer, unbewusster Teil aller Menschen, das von vielen geleugnet wird, nicht zuletzt, weil sich darunter Einsichten befinden, die kaum jemand bewusst haben wollte. Doch, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, werden diese Glauben ein Teil von uns, sobald wir die Erde betreten – teils durch unser DNA, teils während unserer Entwicklung und Erziehung und durch deren jahrelange Wiederholungen. Einige geläufige Beispiele für solche (ungültigen) kollektiven Glaubenssätze sind folgende: „Das Leben ist hart!“ – „No pain, no gain!“ – „Liebe tut weh!“ – „Männer sind Schweine!“ – „Frauen können nicht einparken.“ – „Ein echter Mann weint nicht!“, und viel mehr. Die Liste ist nahezu endlos. Diese Glaubenssätze und mehr werden durch Erzählungen, Erfahrungen, Songs und Gedichte, Ratschläge und Ähnliches ein Teil unseres Systems. Doch eine wesentliche Rolle dabei spielen die Mythen und Märchen.

Auch wenn gewisse Glaubenssätze immer weniger ausgesprochen werden, zum Beispiel die über das weibliche Geschlecht, aus der Angst, als „Frauenfeindlich“ oder „sexistisch“ bezeichnet zu werden, doch heißt dies lange nicht, dass sie bereits aus dem kollektiven System deinstalliert wurden. Denn, das Gesprochene lässt sich viel leichter lenken und bewusster „filtern“ als das Gedachte. Und wer genauer hinhört, findet diese Glaubenssätze zwischen den Zeilen.

Vor einer geräumigen Zeit saß ich im Kreis einiger männlichen Freunde und es wurde über die Gleichberechtigung von Mann und Frau gesprochen. Ein etwas älterer Herr, Mitte seiner Achtziger, der bereits zuvor seine Freude und Erleichterung darüber ausgedrückt hatte, dass in Deutschland nun Männer und Frauen gleich behandelt werden, kritisierte mich, als ich mir ein Bier bestellte, welches ich aus der Flasche trank. „Es gehört sich für eine Frau nicht, Bier aus der Flasche zu trinken. Ein Glas Sekt wäre passender“, waren seine Worte.

Ein relativ junger Kollege, Anfang Zwanziger, der sich für weltoffen und einen Frauenversteher hielt, meinte: „Es gibt gewisse Dinge, die Männer eben besser können als Frauen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass das weibliche Geschlecht den naturwissenschaftlichen Bereichen nicht gewachsen ist und dort schlechter abschneidet als die Männer.“

Im Fall des jungen Mannes wird dieser ungültige Glaubenssatz der Wissenschaft zugeschrieben, so dass er jenen kollektiven Glauben ausleben kann, ohne sich dabei „schuldig“ zu fühlen. „Das sage ja nicht ich, sondern die Wissenschaft.“

Nun, es gibt endlose Studien zu fast allen Bereichen des Lebens, die sich ständig widersprechen, denn es gibt immer verschiedenen Sichten zu einem bestehenden Thema, und der Eigenglaube der Forscher beeinflusst (unbewusst) ihre Ergebnisse. „Was du suchst, wirst du“, sagt Rumi und genauso gilt: „Was du bist, suchst du.“ Daher ist es hilfreich, uns bewusst mit den Dingen auseinanderzusetzen, mit denen wir uns täglich füttern. Denn darin sehen wir unser Unterbewusstsein reflektiert.

Das Heimtückische an den Glaubenssätzen (ob sie uns nun bewusst sind oder nicht) ist, dass sie sich in unserer Realität manifestieren. Denn wir kreieren die Welt um uns herum mit unseren Gedanken und Glauben. Das bekannte Rosenthal Experiment zeigte, welchen Einfluss der Glaube eines Menschen auf das Leben eines anderen hat. Die in dem Versuch beteiligten Schüler wussten nicht, was der Lehrer über sie dachte, doch dies änderte nichts an der Tatsache, dass der IQ-Wert jener Gruppe, von der der Lehrer glaubte, sie sei intelligenter als die andere, sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch erhöhte.

„Woher kommt diese Spaltung zwischen den Geschlechtern und wo haben diesbezügliche Glaubenssätze ihr Ursprung?“, beschäftigte mich für eine lange Zeit und mittlerweile meine ich, eine (zumindest für mich) zufriedenstellende Antwort gefunden zu haben.

Adam und Eva! Ob wir nun an diesen Mythos glauben oder nicht, spielt keine wesentliche

Rolle. Die Geschichte von Adam und Eva ist die erste und damit die älteste Hypothese über die Entstehung der Menschheit, und der Ursprung vieler kollektiven Glaubenssätze, die tief in unserem Unterbewusstsein verankert sind. In gewissen Kulturen wird heute noch geglaubt, die monatliche Blutung der Frau liege Evas Ungehorsamkeit gegen Gottes Befehl zugrunde und gelte als eine Strafe.

Was die religiöse und profunde Sicht zu jenem Mythos ist, ist allgemein bekannt und bedarf keine große Wiederholung: Gott erschuf Adam und später aus dessen Rippe Eva, damit er sich nicht einsam und alleine fühlte. Ihnen stand das Eden zur Verfügung, mit allem, was dazu gehörte, nur durften sie sich von dem Baum der Weisheit nicht ernähren. Eva setzte sich gegen Gottes Befehl und biss in den Apfel. Danach verführte sie (durch ihre weibliche Kräfte) Adam und überzeugte ihn ungehorsam zu sein. Daraufhin wurden sie dem Eden verwiesen.

Diese kurze Geschichte verrät vieles über das Verhalten des heutigen Menschen. Unter anderem beantwortet sie die Frage: Warum so viele Menschen (gerade jetzt und in der aktuellen Weltlage) blind gehorsam sind? Weil sie Angst vor den Konsequenzen ihrer Ungehorsamkeit haben. Sie sind nicht in der Lage, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, weil Eva (zumindest in der Version, die uns seit tausenden von Jahren erzählt wird) Gott nicht gesagt hatte: „Du hast mir den freien Willen gegeben, der mir erlaubt, zu tun und zu lassen, was ich will. Daher kannst du mich jetzt gar nicht bestrafen, denn sonst würdest du gegen deine eigenen Gesetze handeln.“ Wo es den freien Willen gibt, ergeben Gesetze, Pflichten und Strafen keinen Sinne mehr und Gott wird das wohl gewusst haben.

Diese Missinterpretation des besagten Mythos, die aus meiner Sicht dem Missbrauch der Religionen zweck Machtbesitz zugrunde liegt, ist der Ursprung der Spaltung zwischen den Geschlechtern und der Unterdrückung der Frau.

Aus meinen Überlegungen zu dieser Thematik stehen Darwins Evolutionstheorie und der archetypischen Auffassung der Schöpfung Homo sapiens in keinem Widerspruch zueinander, viel mehr ergänzen sie sich. Wenn wir es schaffen, uns von der Missinterpretation jenes Mythos zu lösen, könnten wir viel über das Verhalten des heutigen Menschen erfahren.

Doch möchte ich hier, jenes alte Mythos in ein neues Licht stellen und aus einer unorthodoxen Sicht betrachten:

Aus der dreidimensionalen Perspektive sind Mann und Frau getrennt: durch die physikalischen und geistigen Eigenschaften, die sie in ihrer Natur aufweisen. Und das ist der Grund der Spaltung. Ein Blick in die Thematik aus der höheren Perspektive zeigt jedoch, dass Mann und Frau zwei Teile eines ganzen sind, die sich gegenseitig ergänzen. Dabei spielt das physikalische Geschlecht gar keine Rolle mehr und die Begriffe „Mann und Frau“ werden mit „männliche und weibliche Energie“ ersetzt, wobei der maskulin gepolte Teil sich im physikalischen Körper einer Frau manifestieren kann und umgekehrt. Jedem „Pol“ werden unterschiedlichen Eigenschaften „zugeschrieben“, die alle gleich wichtig und wesentlich sind.

Evas Schöpfung aus Adams Rippe, die bis jetzt als einer „Unterlage“ für Unterdrückung der Frau verwendet wurde, steht aus der höheren Perspektive symbolisch für die Eigenschaften der weiblichen Energie. Das Herz, der Sitz der Liebe und Emotionen, befindet sich unter der Rippe. Somit manifestierte sich Eva aus dem geistigen Teil des ganzen, während Schöpfung Adams aus der Erde eher die materiellen Eigenschaften der maskulinen Energie symbolisieren sollte.

Das war Eva, die sich gegen Gottes Gesetz setzte und ihren freien Willen, der eine der wesentlichen Eigenschaften ist, die den Menschen von der Tierwelt trennen, in Anspruch nahm. Nachdem sie in den Apfel gebissen hatte, wurde sie sich ihrer Nacktheit bewusst. Eine weitere wesentliche Eigenschaft, die den Menschen von der Tierwelt trennt. Und somit steht das ganze Mythos in einem völlig neuen Licht: Der erste (bewusste) Mensch auf der Erde war nicht Adam, sondern Eva. Denn als Mensch gilt nicht jeder, der auf zwei Beinen läuft und das Aussehen eines Homo sapiens hat, sondern nur derjenige, der sich sein Menschsein bewusst ist: die Fähigkeit, sich selbst bewusstzuwerden und das Bewusstsein und in Anspruch nehmen des freien Willens.

Somit gehören Adam und Eva nicht einer weit entfernten Vergangenheit, sondern beschreiben symbolisch den Entwicklungsprozess des menschlichen Wesens und dessen Erwachen zu seinem Wahren selbst. Denn heute noch – im Jahre 2021 – ist die große Mehrheit der Menschen sich selbst, sein Menschsein und den freie Willen nicht bewusst. Sie folgt nur ein unbewusstes Muster, das auf seinen Ängsten basiert: Überleben, Fortpflanzen.


In den Gesprächen rund um das Thema "Gleichberechtigung" höre ich oft das Argument: "Du kannst sagen, was du willst, es gibt gewissen körperlichen Leistungen, die eine Frau aufgrund ihres Körperbaus nicht erbringen kann." Nun, warum nicht mal den Spieß drehen und sagen: "Der Körper kann unabhängig vom Geschlecht so trainiert werden, dass jeder Mensch die gleiche Arbeit leistet, wenn das sein müsste, doch wird je ein Mann in der Lage sein, ein Kind auf die Welt zu tragen?"

Gleichberechtigt zu sein heißt nicht Egalität, denn kein Mensch ist gleich dem anderen. Jeder von uns ist in seiner Art einzigartig. Gleichberechtigung heißt einfach und schlicht, die gleiche Rechte zu haben, und dies gilt für alle Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Rasse, Religionszugehörigkeit, Alter und der Gleichen. Doch wo gibt es so etwas schon? Nicht hier auf der Erde.

Bei dem modernen Weg zur „Gleichberechtigung“ der Geschlechter jedoch wird bereits vorausgesetzt, dass Männer mehr Rechte haben als Frauen. Somit wird von der Frau „verlangt“ mehr und mehr Eigenschaften der männlichen Energie anzunehmen, wenn sie gleichberechtigt sein will. So entstehen Dinge wie die Frauenquote für höhere Positionen. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, ob die weibliche Energie – die sich in den meisten Fällen im Körper einer Frau manifestiert – mit einer „höheren beruflichen Position“ befriedigt wird, und ob dies zu den Zielen gehört, die jener „Pol“ in seiner Natur erreichen wollte.

Diese Missinterpretation von „Gleichberechtigung“ ist aus meiner Sicht eine neue Form der Unterdrückung der weiblichen Energie mit verheerenden Folgen für die Betroffenen, denn die moderne Frau steht unter permanentem Druck, etwas zu werden, was gegen ihre Natur ist, wenn sie gleichberechtigt sein will. Doch die Wahrheit ist, dass die Gleichberechtigung bedienungslos und für alle Menschen gleichermaßen gilt. Denn unsere Menschenrechte werden mit uns geboren. Wir müssen nicht erst „etwas“ werden, um sie bekommen zu dürfen. (Damit will ich auf gar keinen Fall zum Ausdruck bringen, dass es keine Frauen in den führenden Positionen geben sollte, oder das dies für eine Frau nicht bestimmt sei. Es gibt keine Faustregel dafür, was ein Individuum – unabhängig vom Geschlecht – auf seinem Weg erreichen sollte. Das ist von Person zur Person unterschiedlich. Wenn ich von Eigenschaften der weiblichen und männlichen Energie spreche, setze ich voraus, dass alle Menschen beide Polen in sich tragen, doch ein Pol ist in der Regel dominanter als der andere, zumindest solange, bis wir es schaffen, das Gleichgewicht der beiden Energien in unserem System herzustellen.)

Was dieser Druck für die weibliche Energie und deren Entwicklung bedeutet, sehe ich durchgehend in Interaktionen mit meinen Patienten und meinem Umfeld. Die meisten Frauen arbeiten außerhalb des Hauses mindestens genauso intensiv wie die Männer, dabei bleiben in den meisten Fällen der Haushalt und die Kinder weiterhin zu den weiblichen Zuständigkeiten gehörend. Das führt zu einer Überlastung und Überforderung der Frau und letztendlich zum völligen Burn-out.


Doch am meisten betroffen von dem neuen Lebensstil der Menschheit sind die Kinder, denn sie bleiben völlig auf der Strecke. Ihre Tage verbringen sie in den Kitas und Ganztagsschulen. Hier in Spanien werden Kinder spätestens im vierten Lebensjahr in die Schule geschickt, wo sie den ganzen Tag verbringen, in den meisten Fällen sogar in den ersten Monaten nach der Geburt, damit die Mütter arbeiten gehen können. Am Abend, wenn sie nach Hause kommen, hat weder der Vater Lust, sich mit ihnen zu beschäftigen, noch die Mutter den Nerven, sich ihre Geschichten anzuhören, und die Kinder selbst sind völlig überlastet und ermüdet von den vielen Ereignissen des Tages, und werden mit allem, was es am Tag erlebt haben mögen, sich selbst überlassen. Dies hat verheerende Folgen für die psychische Gesundheit der Kinder und Nachfolgen für ihr späteres Leben als Erwachsene.


Vielleicht wäre es gesünder für alle Beteiligten und für unsere Gesellschaft, wenn wir anfangen würden, unsere Werte zu überdenken und die Eigenschaften der weiblichen Energie anzuerkennen und wertzuschätzen, anstatt zu versuchen, sie durch die der maskulinen Energie zu ersetzen, denn sie sind wesentlich für die psychische Gesundheit unserer Gesellschaft.

Die maskuline Energie (er) ist produktiv in ihrer Natur: Er braucht zu kreieren und das Resultat seiner Arbeit und Leistung zu sehen. Die feminine Energie (sie) ist der Schöpfer der Unsichtbaren: Sie kreiert Emotionen, gebärt Liebe und unterstützt der maskulinen Energie hinter den Fassaden. Sie arbeiten als zwei Teile eines und desselben Systems. Das Ergebnis ihrer Arbeit kann jedoch weder geprüft noch gesehen, sondern nur mit dem Herzen gespürt werden. Die Augen sind blind für ihre Leistung, sie wird weder gefeiert, weil sie geliebt hat, noch anerkannt, weil sie ihm und den Kindern geduldig emotional zur Seite stand. Das führt zu Depressionen und ein Gefühl der Zwecklosigkeit.

Es werden unzählige Preise für physikalischen Leistungen oder Schönheit verteilt, aber hat je ein Mensch in dieser Welt einen Nobelpreis bekommen, weil er die Nobelste aller menschlichen Leistungen erbrachte, indem er bedingungslos geliebt hat? Wurde je jemand auf unserer Erde geehrt, weil er positive Emotionen kreierte? Gibt es Preise und Verleihungen für Mütter, die ihre Zeit damit verbracht haben, der Gesellschaft gesunde und aufrichtige Menschen zu übergeben?

Die Werte wurden gefälscht. Geld, Status, Position, Macht haben die menschlichen Werte überholt, Haben ist wichtiger geworden, als Sein. Kein Wunder, dass die Frauen unserer Zeit trotz Führungspositionen und Frauenquote (oder gerade deswegen?) immer depressiver werden.

„Die Augen sollen gewaschen werden, wir sollten anders sehen“, sagt der iranische Dichter Sohrab Sepehri.

Es liegt an jedem einzelnen von uns, zu entscheiden, einem krankmachenden System angehören zu wollen, oder sich kraft seines freien Willens davon zu lösen.

Klappentext:

„Ich hab‘ alles auf Rot gesetzt und das Rad hielt bei Schwarz an. Ich hab‘ verloren“, geht der 34-jährigen Langzeitreisende Sara durch den Sinn, während sie am Flughafen in Kuala Lumpur steht und die auf- und absteigende Flugzeuge beobachtet.

Was ist der Preis für Freiheit und wie weit würdest du gehen, um deinen Herzenswunsch zu erreichen? Bist du bereit, alles aufzugeben; das Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität, Gewissheit, und dich von allen konventionellen Werten, Vorstellungen und gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen, wenn dein Herz es von dir verlangen würde, wenn das der einzige Weg zur Liebe wäre?

Das kleine, schwarze Fischlein handelt von der inneren Reise einer gebürtigen Iranerin, die auf der Suche nach Freiheit und wahrer Liebe, sich selbst verliert und (wieder) neu findet.

Mit viel Offenheit und Ehrlichkeit berichtet sie von den Herausforderungen, die ihr auf diesem Weg gestellt werden, und von der dunkelsten Zeit ihrer Reise.

Hat sie wirklich verloren?

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